Achtung, giftig!
Aus der PETRI NEWS 191-2015

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Achtung, giftig!

<< Es grenzt schon an Krankheiten im geistigen Bereich ... >>

Noch nie waren Lebensmittel gesünder. Aber noch nie behaupteten mehr Schweizer, von Lebensmitteln krank zu werden. Wahre Bedrohung oder nur die neueste Version des sozialen Statuskampfes?

Das waren Titel und Lead eines Artikels von Barbara Höfler im Magazin Gesellschaft, welches jeweils der NZZ am Sonntag beiliegt. Er zeigt auf, woran unsere Gesellschaft heute vor allem krankt: An zuviel Information, vor allem aus dem Internet, welches bald aus jedem User einen Facharzt macht. Natürlich gibt es für gewisse Menschen Unverträglichkeiten, aber was sonst diesbezüglich abgeht, geht auf keine Kuhhaut mehr und grenzt schon an Krankheiten im geistigen Bereich. Lesen Sie doch bitte nur den ersten Absatz des Artikels:

Um den Bürger vor unreflektiertem Appetit zu schützen, hat die EU die Gastronomie kürzlich verpflichtet, sämtliche Gerichte auf potenziell allergieauslösende Stoffe zu durchleuchten. Seit Inkrafttreten der Lebensmittelinformation-Verordnung am 13. Dezember 2014 dürfen Gäste in Europa nun von der Bedienung ein mündliches Stegreifreferat über die lebensmittelchemische Zusammensetzung des Schmorbratens, der Sauce oder der Beilagen erwarten. Oder ein umfassendes Fussnotenverzeichnis mit „14 Stoffen und Stoffgruppen“, von Ei über „Milch- oder Milchprodukte“ bis hin zu „Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Dinkel, Kamut oder Hybridstämme davon“, den kulinarisch fast vergessenen „Wolfsbohnen“ und der nur von der EU noch nicht vergessenen „Queenslandnuss“.
Solche Speisekarten-Beiblätter lesen sich wie Folterbereichte von Amnesty International. Schon Grundnahrungsmittel wirken darin extrem bedrohlich, der ganze Restaurantbesuch wird zum russischen Roulette. … Usw. usf.

Meine Frage; was ist denn mit dem Gekochten zu Hause? Und was ist mit all den Kellnerinnen und Kellnern, die kaum oder nicht deutsch sprechen? Und was mit all den fahrenden Fressbuden und Take-Aways? Und darum noch meine ganz persönliche Schlussfrage: Ob denn diejenigen, welche solches Zeug verordnen nicht wirklich, (frei nach Professor Mörgeli), vom Affen gebissen sind?


Hier ist der vollständige Artikel

Achtung giftig
NZZ am Sonntag vom 8. Februar 2015

Noch nie waren Lebensmittel gesünder. Aber noch nie behaupteten mehr Schweizer von Lebensmitteln krank zu werden. Wahre Bedrohung oder nur die neuste Version des Statuskampfes? Von Barbar Höfler

Schon krank?
Ob sich bei Bauchzwicken die Umstellung der Essgewohnheiten lohnt, findet ein Arzt heraus. Notfalls mit einem Atemtest. Bei Verdacht auf Milchzucker-Unverträglichkeit trinkt man eine Lösung aus Wasser und Laktose. Der Wasserstoffgehalt im Atem zeigt an, ob genug Abbau-Enzyme vorhanden sind. Wenn ja, ist man gesund. So wird auch Fruktose-Maiabsorption diagnostiziert. Bei Gluten-Angst kann der Atemtest Zöliakie ausschliessen und ein Belastungstest zeigen, ob Gluten schadet. Nur für Histamin-Intoleranz gibt's noch keine Diagnose (vielleicht auch keine Histamin-Intoleranz). Wen das entmutigt, der greife zu Heim-Blut-Tests wie Allergo-Screen, lmuscan oder Food Detective. Die finden immer etwas.

Um den Bürger vor unreflektiertem Appetit zu schützen, hat die EU die Gastronomen kürzlich verpflichtet, sämtliche Gerichte auf potenziell allergieauslösende Stoffe zu durchleuchten. Seit Inkrafttreten der Lebensmittelinformations-Verordnung am 13. Dezember 2014 dürfen Gäste in Europa nun von der Bedienung ein mündliches Stegreifreferat über die lebensmittel-chemische Zusammensetzung des Schmorbratens; der Sauce und der Beilagen erwarten. Oder ein umfassendes Fussnotenverzeichnis mit «14 Stoffen und Stoffgruppen», von Ei über «Milch oder Milchprodukte» bis hin zu «Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Dinkel, Kamut oder Hybridstämme davon», den kulinarisch fast vergessenen «Wolfsbohnen» und der nur von der EU noch nicht vergessenen «Queenslandnuss».

Solche Speisekarten-Beiblätter lesen sich wie Folterberichte von Amnesty International. Schon Grundnahrungsmittel wirken darin extrem bedrohlich, der ganze Restaurantbesuch wird zum russischen Roulette. Vielen Gästen schmeckt es dadurch aber nicht etwa weniger, sondern jetzt erst recht. Von allen Delikatessen ist die begehrteste schliesslich die Extra-wurst. Und zu Sonderwünschen an die Küche hat jetzt jeder das verbriefte Recht, wenn nicht sogar die gesellschaftliche Pflicht. Denn als völlig lebensmittelresistenter Omnivore gilt man heutzutage nicht nur in der EU als Kretin, sondern auch in der -Schweiz.

Diffuse Beschwerden
Statistiken gibt es nicht; aber gemäss Schätzungen des AHA, des Allergiezentrums Schweiz, bezeichnen sich je nach Lebensmittel schon zwanzig Prozent der Konsumenten als intolerant. Es handelt sich dabei in absteigender Häufigkeit um Laktose-Intoleranz, Gluten-Sensitivität, Histamin-Unverträglichkeit oder Fruktose-Malabsorption. In Fachkreisen unter-scheidet man zwischen ärztlich diagnostizierten Intoleranten, deren Zahl in den vergangenen Jahren moderat stieg, und der explodierenden Gruppe der «nicht definierten Intoleranten», die unter diffusen Beschwerden, hinter deren Ursache noch kein Arzt gekommen ist -dafür aber der Patient selbst. In der praktischen Anwendung bedeutet das, dass er kaum noch etwas essen kann, ohne fürchten zu müssen, mit Durchfall, Migräne oder dem vor allem unter Weizen-Hassern bekannten «Brain Fog» mit den Symptomen eines frühen Alzheimers zu reagieren. Das Internet ist voll solcher Fühl-Vorschläge, die jeden zum pathologischen Fall erklären, der sich nicht ausschliesslich künstlich ernährt. Wahrscheinlich deshalb sind laut der Fachzeitschrift «PraxisArena» dreissig Prozent der Schweizer obendrein überzeugt, nicht nur eine Nahrungsmittelintoleranz zu haben, sondern sogar eine Nahrungsmittelallergie. Diese beiden verhalten sich zueinander wie Schlittenfahren und Skispringen. Bei einer Lebensmittelallergie genügen geringste Spuren von Erdnuss, Sellerie oder Shrimps für den anaphylaktischen, manchmal tödlichen Kreislaufkollaps. Davon betroffen sind in der Schweiz höchstens vier Prozent. Die übrigen leiden sicher auch. Die Frage-ist nur: Woran?

In ihrem soeben erschienenen Buch «Der Feind in meinem Topf -Schluss mit den Legenden vom bösen Essen» stellt sich die Hamburger Journalistin Susanne Schäfer die Frage in aller Ausführlichkeit. Auf 240 Seiten lässt sie Wissenschafter, Ärzte und Patienten sprechen. Sie unterzieht sich einem Selbstversuch, bei dem sie mit «unspezifischen Befindlichkeiten wie gelegentlichen Bauchschmerzen und Müdigkeit» von Heilpraktikern und Doktoren zur Hochrisikokandidatin für Gluten-Sensitivität erklärt wird, und kommt zum Fazit: «Lebensmittelunverträglichkeiten haben sich als Mode verselbständigt.» Und das, obwohl «unsere Nahrung in Wirklichkeit so sicher, vielfältig und im Überfluss vorhanden ist wie nie zuvor. Noch gar nicht ausgemacht ist dabei, ob es Krankheitsbilder wie Gluten-Unverträglichkeit oder Histamin-Intoleranz überhaupt gibt. Hier dröselt Schäfer gegenaufklärerisch den Forschungsstand auf. Histamin etwa ist ein körpereigener Stoff, der auch in Rotwein, Kaffee oder reifem Käse vor-kommt. Auf Zufuhr von Extrahistamin durch diese Lebensmittel glauben Auserwählte mit Symptomen zu reagieren, die laut der Schweizer IG Histamin-Intoleranz «einer Allergie, einer Lebensmittelvergiftung oder einer Erkältung» ähneln. Schäfer: «Da ist für jeden etwas dabei.» Manche Ärzte hielten die Histamin-Intoleranz -für einen «reinen Internethype». Auch nicht ganz eindeutig verhält es sich mit der Gluten-Sensitivität. Gluten ist ein Klebereiweiss, das in Getreide und seinen Abkömmlingen von Nudeln über Brot bis Bier vorkommt. Manche können das Klebereiweiss im Darm nicht vollständig abbauen. Dieser entzündet sich, die Darmzotten werden geschädigt, es kommt zu Nährstoffunterversorgung mit Folgeerscheinungen von Osteoporose bis Depression. Diese Autoimmunkrankheit heisst Zöliakie. In Industrienationen betrifft sie nur 0,1 bis 1 Prozent. Was jeden dritten Amerikaner und angeblich eineinhalb Millionen Schweizer trotzdem nicht davon abhält, Gluten zu meiden und sich besser zu fühlen. Liegt es, wie manche Forscher vermuten, an anderen Eiweissgruppen im Getreide? An ordinären Blähstoffen? Oder ist das alles Placebo? Erschwert wird die Forschung, weil viele Betroffene es so genau offenbar gar nicht wissen wollen. Der Gastroenterologe Stephan Vavricka vom Spital Triemli in Zürich berichtet von Patienten, die sich schon lang glutenfrei ernähren, weil sie «fest davon überzeugt sind, den Pflanzenstoff nicht zu vertragen». Schlägt Vavricka ihnen dann einen Glutenbelastungstest vor, lehnen sie aber ab. Hier scheint die Unverträglichkeit an sich zum schützenswerten Gut zu werden. Oft kombiniert mit Verschwörungstheorien über das schädliche Ansinnen der Schulmedizin. Solche Vorstellungen einer verabredeten, schleichenden Vergiftung gab es natürlich schon immer. Neu ist aber, dass es sich bei den Protagonisten nicht um Gestalten mit selbstgebastelten Strahlenschutzhelmen handelt, sondern um Lichtgestalten der Bildungs-und Lifestyle-Elite, allen voran um Hollywood-Stars.

Chelsea Clinton
Gwyneth Paltrow etwa ist die Autorin eines Kochbuches mit dem Titel «Meine Rezepte für Gesundheit und gutes Aussehen -Geniessen ohne Gluten, Zucker und Laktose». Die US-Website «Glutenista.com» aktualisiert laufend eine Liste neu herandrängender Fari-Stars: Chelsea Clinton, -Miranda Kerr, Lady Gaga, Geri Halliwelletc. Jenny McCarthy und Paltrow ernähren auch ihre Kinder glutenfrei. Der glutenfreie Geburtstagskuchen ist in Schweizer Kindergärten ebenfalls obligat. Und noch ein Trend schwappt hinüber: die Angst vor Weizen. Auch bei uns sind die Offenbarungsbücher erfolgreich: «Dumm wie Brot» des Ernährungsmediziners David Perlmutter aus Florida («modernes Getreide zersetzt das Gehirn») sowie «Weizenwampe -warum Weizen dick und krank macht» des Kardiologen William Davis. Die Welt der Nahrungsmittelintoleranten ist mittlerweile ein geschlossenes Konsum-Universum, aus dem man - hat man den Eingang einmal entdeckt - offenbar gar nicht mehr herauswill. Laut «Wall Street Journal» gibt es über eintausend «Glutenfree»-Communities auf Facebook, inklusive einer zum Daten für Singles. Wenn solche Paare in die Ferien wollen, reisen sie am besten ins Unterengadin, das sich mithilfe seines Tourismusverbandes auf die «gluten- und laktosefreie Erholung» spezialisiert hat. Weltweit hat sich der Umsatz von als glutenfrei beworbenen Produkten zwischen 2007 und 2013 fast verdoppelt. Eine glutenfreie Pizza kostet bei Migros 6 Franken 20, eine normal schädliche 2 Franken10. Für Nicht-Zöliakie-Patienten hat sie genauso viel Mehrwert wie der laktosefreie Joghurt für Menschen ohne echte Milchzucker-Unverträglichkeit. «Ohne»-Logos, die sogenannten «Clean Labels», scheinen das neue Bio. Schon der Name suggeriere «Natürlichkeit, Reinheit und besonders hohe Qualität», schreibt die Wissenschaftsjournalistin Susanne Schäfer. Menschen machen da wider alle Vernunft mit - weil das hier kein medizinisches Problem ist, sondern ein kulturelles.

Pingelig zu sein, Essen auszuwählen, Essen wegzulassen, kompliziert zu machen -das liegt vermutlich grundsätzlich in unserer Natur als Mensch. Nicht mehr alles reinschlingen, sondern vorher kochen, nicht mehr Grasbüschel kauen, sondern planvoll Ackerbau betreiben, kurz -nicht mehr fressen wie die Tiere, das hat uns überhaupt erst zu Menschen gemacht. In seinem «Prozess der Zivilisation» beschreibt Norbert Elias die Geschichte unserer Esskultur als Geschichte wachsender Selbstkontrolle über den tierischen Hungertrieb -und den Machtdiskurs innerhalb der eigenen Spezies. Mahlzeit war immer Ausdruck sozialer Repräsentanz. König der Steinzeit war, wer den besten Brocken bekam. Im von Hungersnöten beherrschten Mittelalter ging es um die schiere Menge. Bekannt für ihren pathologischen Appetit war zum Beispiel Katharina di Medici, die bei Banketten 24 verschiedene Fleischsorten ass - am liebsten, wenn die Untertanen nichts zu beissen hatten. Die physische Unmöglichkeit, noch mehr zu essen, wandelte Masse schliesslich in Klasse. Hier war das Entstehen der höfischen Gesellschaft förderlich. Im Statuswettbewerb zwischen altem Schwert-und neuem Amtsadel entstand die französische Küche mit exquisiten «Soupers» statt Völlerei und der Figur des Feinschmeckers. Jetzt unterschieden sich die Mächtigen von den Niedrigen durch Reichtum in der Kenntnis von Aromen und Nuancen, komplizierte Tischmanieren eines Freiherrn von Knigge und maximale Selbstmässigung im Angesicht fingerhutgrosser Portionen. Entfremdete Natur Das weitverbreitete Misstrauen gegenüber der Nahrung gehört in die gleiche Kategorie. Praktiziert wurde es besonders fleissig vom aufstrebenden Bürgertum während der Industrialisierung. Endlich war eine stabile Lebensmittelversorgung für alle in Sicht. Neue Konservierungsmethoden machten Essen so sicher wie nie. Vielen Bildungsbürgern schlug das aber arg auf den Magen. Industriell hergestellte Nahrung war ihnen entfremdete Natur. Megaschädlich. Sie wollten die reine, unvermischte Speise, die Jean-Jacques Rousseau predigte. Der Begriff der «Zivilisationskrankheit» tauchte Ende des 19. Jahrhunderts auf. Jeder bessere Bürger sah sich betroffen. Fastenkuren wie die Milch-Semmel-Kur nach F.X. Mayr (100% Laktose und Gluten) wurden modern. Es ging ums Ableiten, Entgiften, Entsäuern. Wovon? Das ist bis heute wissenschaftlich ungeklärt. Seither kamen und gingen die Essensmoden und -phobien. Bei Lindsay Lohan und Paris Hilton lohnt es sich, nochmals auf Zeitlupe zu gehen. Die Erb-Blondinen waren vermutlich das Initial aller heutigen Mode-Unverträglichkeiten und verkörperten Anfang der nuller Jahre genau, was Norbert Elias 1936 mit der Geschichte vom esskulturellen Selbstzwang meinte: Magersucht, wie sie nun als Schönheitsideal gilt. Zudem sind die beiden frühe Vorbilder des sich rasch verschärfenden Eigenverantwortungsdiskurses im Gesundheitswesen moderner Wohlfahrtsstaaten. Paris und Lindsay soffen, rauchten und feierten sich zwar noch rücksichtslos durchs Leben. Unter grossem Boulevardaufgebot verbüssten sie ihre Gesundheitssünden aber schon regel-mässig auf eigene Kosterrin Luxus-Rehas. Dabei sah man sie zwischen Detox und Retox nie ohne ein Halbliter-Gebinde von Starbucks. Die Folgedistinktion der durchgemachten Nächte: ständiges Caffe-Latte-Trinken. Weltweit explodierte der Milchkonsum deshalb. Bis Lindsay und Paris sich ihrerseits durch Latte Sojamilch von den Nachahmern absetzten. Vielleicht hatten sie durch das tägliche Milchplus im Kaffee -schätzungsweise zwei Liter - tatsächlich Laktose-Intoleranz-Symptome. Der Latte Sojamilch setzte dem Lifestyle aber auch einfach noch das Sahnehäubchen auf: Horche in deinen Luxuskörper, so wie beim Bikram-Yoga, und höre, dass er feiner ist als der Saumagen der anderen. Der verträgt normale Kuhmilch nicht! Die Vorzüge einer solchen Laktose-Intoleranz wurden von anderen schnell erkannt: verantwortungsbewusst wirken, konsumkritisch, intelligent und kosmopolitisch («In Tokio verträgt Milch gar keiner!»). Und wo Caffe Latte ist, sind Muffins. The next step. Muffins isst der moderne Mensch heute natürlich «glutenfree».

Erschütternd ist, dass Lebensmittelintoleranz laut der Soziologin Eva Barlösius vor allem in der Schicht der sozialen Aufsteiger gepflegt wird. Nichts verrät die eigene Herkunft stärker als die in der Kindheit erworbenen Essensvorlieben. Seinen Ernährungsstil ohne echte Not derart stark abzuändern, bedeutet nach Barlösius, von der «gemeinsamen Tafel» aufzustehen: Abstand von seiner Herkunft zu nehmen, sich auf dem Weg zu einem anderen Milieu zu sehen. Das Milieu, in das diese Leute vorstossen wollen, ist vor allem eins: irre gesund. Gesundheit nämlich ist das Kennzeichen der Wohlstandsfraktion. Als Statussymbol stechen Fitness, Leistungsfähigkeit und eigene Zähne bis ins hohe Alter heute längst Foie gras, Porsche und Lodge in St. Moritz aus. Krankheit dagegen ist das Merkmal der niedereren Schichten mit den «drei F»: Fastfood, Fettsein, Fernsehen. Da will man nicht dabei sein. Das ist asozial. Der Kranke nämlich liegt dem Staat auf der Tasche. Kein gutes Signal in Zeiten, in denen die Gesundheitspolitik Krankheit zunehmend zum persönlichen Versagen erklärt, zum Resultat von mangelnder Eigenverantwortung und von Schwäche in der Selbstoptimierung.

Diagnose macht tüchtig
Auf den ersten Blick scheint es paradox, wenn Bürger sich nun mit Nahrungsrnittel-Unverträglichkeiten selbst als kränkliche Subjekte deklarieren. Es verhält sich hier aber vermutlich wie mit dem «Burnout» im Beruf. Erst mit dieser Diagnose gilt man als wahrhaft Tüchtiger. Geht man aus der Krise siegreich hervor, ist man sogar die Allergrösste. So einer hat die Bedeutung der «Work-Life-Balance» erkannt. Ihm kann jetzt nicht einmal mehr das Burnout etwas anhaben. Er ist endlich eine unsterbliche Arbeitsmaschine. Die Nahrungsmittelintoleranz ist dazu das kulinarische Äquivalent: Sie zeigt, dass sich hier jemand nicht einfach nur gesundheitsbewusst ernährt, sondern overachievt, einen besonderen Draht zu seinem Körper hat, auf feinste Signale achtet, mühelos als eigener Krisenmanager reagiert und so insgesamt eben nicht zur Krankheit neigt - sondern zur strotzenden Tiefengesundheit. Zwar sind «Clean Label»-Produkte teurer als normale, aber immer noch wesentlich billiger als ein privater Bikram-Yoga-Trainer oder neue Zähne. Insofern ist die Strategie für Aufstreber aus der Mittelschicht auch finanziell interessant. Norbert Elias schrieb einem solchen autoerotischen Zwangsverhalten netterweise zu, dass es ganz automatisch und unbewusst passiere. Es seien ganz einfach die Symptome der «psychischen Selbstzwang-Apparatur», die im Habitus zivilisierter Menschen nun einmal hervorträten - und bei den zivilisiertesten offenbar eben besonders. Es ist eine von klein auf trainierte Apparatur, die den Einzelnen in steter Sorge hält, sich in den Ausscheidungskämpfen der eigenen Schicht zu bewähren, sein Prestige zu halten und zu mehren und zu diesem Zweck möglichst erfolgreich den Verhaltensstandards höherer Schichten zu entsprechen. Koste es, was es wolle. Hochgradig intolerant sich selbst gegenüber. Gesundheit ist das Kennzeichen der Wohlstands-Fraktion. Krankheit ist das Merkmal der niederen Schichten.