Brown Trout Paradies

von Viktor Keller / 2015



Während unseres letzten Neuseeland Aufenthaltes haben wir zu Beginn der Saison die Fischerei als recht schwierig erlebt. Die Forellen waren äusserst heikel und mehr als einmal hat keines der vielen Muster, die wir den Fischen präsentiert haben, zum Erfolg geführt. Und immer wieder haben grosse Bachforellen schon beim blossen Anblick der daher treibenden künstlichen Fliege wie von der Tarantel gestochen das Weite gesucht. Noch vorsichtigeres Anschleichen und 19ft lange Vorfächer haben das Blatt schliesslich zu unseren Gunsten gewendet. In den häufig glasklaren Flüssen ist es entscheidend, die Fliege nicht allzu weit vor den Fisch zu werfen, so dass nur die feinere Vorfachspitze im Sichtfenster des Fisches auf die Wasseroberfläche fällt.



Bereits seit einigen Wochen waren die Zikaden aktiv - dank des warmen Frühlings einiges früher als üblich - und die Bachforellen liessen sich mit grossen Trockenfliegenmustern überlisten. An einem herrlichen Frühsommertag bei strahlend blauem Himmel, haben wir wieder einmal an einem unserer Lieblingsflüsse gefischt. Nach einer guten halben Stunde entdeckten wir in einem wohl 40m langen Pool einen tollen Fisch. Einige Zeit später hatte auch der Wind ein Einsehen und die Fliege landete sanft am gewünschten Ort. Die Forelle scherte aus, kehrte aber gleich wieder zu ihrem Standort zurück. Auch bei der zweiten Präsentation dasselbe Ergebnis.



Fliege wechseln? Lass es uns noch einmal probieren! Die #14 Royal PMX (Parachute Madam X) an der 18er Vorfachspitze trifft weich kurz vor dem Fisch auf. Keine Reaktion. Sch……….scho wider nüüt! Oder doch? Die grosse Bachforelle dreht sich um, schwimmt langsam der abtreibenden Fliege nach und schiebt im Zeitlupentempo Ober- und Unterkiefer und den halben Kopf aus dem Wasser und über die vermeintliche Beute. Genauso gemächlich dreht der Fisch wieder in die Strömung und will zurück zu seinem Standplatz. Plötzlich das Gewicht der gespannten Schnur spürend, schiesst er mit ungeahnter Geschwindigkeit in Richtung gegenüberliegendes Ufer davon. Das Flussufer, etwa 30m entfernt, ist gespickt mit Wurzeln und Treibholz. Ich versuche verzweifelt, die Forelle zu stoppen, aber erst starker Seitenzug lässt sie etwas langsamer werden. Als ich schon hoffe, sie nun in das offene Wasser führen zu können, zieht sie kraftvoll mit der Strömung flussabwärts. Nur bitte nicht in die Stromschnellen unterhalb des Pools! Mit zittrigen Knien gebe ich so viel Gegendruck wie möglich. Ohne Erfolg! Nun gibt’s kein Halten mehr: Rute hoch und hinterher. Ich muss über den Fluss und bin 2-, 3-mal kurz davor, ein Vollbad zu nehmen. Mein Fisch ist mittlerweile 80m unterhalb im nächsten Pool angekommen; der Höhenunterschied ist so gross, dass das Vorfach nun über die Steine schleift. Und schon ist es passiert: plötzlich ist der Zug weg und die Schnur hängt durch - ein intensives Gefühl der kompletten Leere überkommt mich für einen Augenblick und ich setze mich auf den erstbesten Stein. Schliesslich raffe ich mich auf und hole die Schnur ein. Das Vorfach sieht aus wie von einer Kuh durchgekaut und ich kann den dicksten, einen halben Millimeter starken Teil ohne Weiteres zerreissen.
 
Wir fingen an diesem wunderschönen Sommertag 6 weitere Fische, alles Bachforellen zwischen 1.5 und 3 kg. Auf dem Weg zurück zum Auto hatten wir dann nochmals einen Adrenalin Schub. Direkt am Flussufer weidete eine Herde Wasserbüffel; wir hatten mit dem mächtigen, aggressiven Bullen schon bei früherer Gelegenheit Bekanntschaft geschlossen und entsprechend die Hosen voll. Auf die andere Seite wechseln ging nicht und so schlichen wir geduckt im Wasser dicht am Ufer entlang an den Tieren vorbei. Der Farmer grinste nur, als wir ihm berichteten und erzählte uns, dass der Büffel vor kurzem drei Absperrungen niedergerissen und einen anderen Bullen getötet hatte.



2 Tage später waren wir an der Westküste unterwegs und befischten einen der vielbeschriebenen Spring Creeks in der Nähe von Hari Hari. Das Wasser ist dort kristallklar und der Gewässergrund mit Wasserpflanzen aller Art übersät; eine wunderschöne, vielfältige Unterwasserlandschaft und ein absolutes Fischparadies. Das Wetter liess uns an diesem Tag etwas im Stich; der Himmel war bewölkt und immer wieder regnete es leicht. So sahen wir viele Fisch nicht rechtzeitig und verpassten manche Gelegenheit. Als die Sicht etwas besser wurde, sah meine Partnerin unter einem grossen Baumstamm, der schräg aus dem Wasser ragte, eine grosse Schwanzflosse hervor lugen. Ich konnte es nicht lassen und setzte dem Fisch oberhalb des Stammes die Fliege vor. Der Schwanz verschwand und auf der anderen Seite tauchte ein prächtiger Fisch auf und nahm ohne zu Zögern und ohne Eile die Fliege, erneut eine Royal PMX.



Zu meinem Glück schoss die Forelle nicht wie erwartet in ihren Unterstand zurück, sondern blitzschnell in die offene Strömung. Ich versuchte, die Fliegenschnur unter Spannung zu halten, während ich hastig lose Schnur einholte. Kurz bevor es geschafft war, wickelte sich die Schnur um meine Hand. Im selben Moment setzte der Fisch zu einer weiteren Flucht an und die 18er Vorfachspitze trennte sich von der Fliege. Na ja, selber schuld. Wenig später sahen wir einen weiteren Fisch und Béatrice präsentierte ihre Fliege mit einem toll gelungenen Schlangenwurf. Die Bachforelle liess sich zuerst nicht aus der Ruhe bringen, entschloss sich dann aber anders, schwamm einige qualvolle Sekunden der Fliege nach und nahm sie schliesslich doch noch. Yiihaa! Wasserpflanzen und Weidenbüsche machten den Drill nicht ganz einfach, nach einigen Minuten war die 2kg Bachforelle aber sicher im Feumer. Was für ein schön gezeichneter Fisch.